Genderstereotype in der Justiz

JUMEN e.V. – Juristische Menschen­rechtsarbeit in Deutschland

Was ist Ihre außergewöhnlichste Geschichte mit Wirkung? Was war das beeindruckendste Projekt der letzten Zeit? Welche Leistung Ihrer Stiftung oder gemeinnützigen Organisation verdient definitiv mehr Aufmerksamkeit?

Expert*innen aus der Beratungspraxis in Deutschland berichten immer wieder, dass Opferzeuginnen häufig das Gefühl haben, als Beschuldigte wahrgenommen zu werden. Statt das Verhalten des Täters zu untersuchen, werde die Verantwortung bei den Opferzeuginnen gesucht.

Stereotype im Gerichtssaal

Gerichte sind nicht frei von Vorurteilen und vorgefassten Einstellungen. Diskriminierungen und Stereotype werden damit verfestigt. Das behindert den gleichen Zugang zum Recht. Stereotype in der Justiz führen auch dazu, dass die gewaltbetroffene Person ein zweites Mal einer Verletzung ausgesetzt wird, die zu einer Retraumatisierung führen kann. Opferzeuginnen und Unterstützungsorganisationen berichten immer wieder, dass die Angst vor Diskriminierung und Erniedrigung im Rahmen des Verfahrens ein Grund ist, Vergewaltigungen nicht anzuzeigen. Ein faires und unabhängiges Verfahren wird damit torpediert.

Faktencheck

33 % aller Frauen in Deutschland haben seit dem 15. Lebensjahr körperliche und/oder sexualisierte Gewalt erfahren. Damit liegt Deutschland im europäischen Vergleich knapp über dem Durchschnitt. Gleichzeitig zeigen nur 5-15 % der Frauen*, die eine Vergewaltigung erlebt haben, diese an. Weniger als 10 % der angezeigten Tatverdächtigten werden verurteilt.

Projekt „Genderstereotype in der Justiz“

Im Herbst 2016 hat JUMEN mit den Projektpartner*innen Humboldt Law Clinic Grund- und Menschenrechte (HLCMR) und Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff) – Gewalt gegen Frauen e.V. das Projekt „Genderstereotype in der Justiz“ gestartet. Dabei hat JUMEN gemeinsam mit Studierenden der HLCMR zwei Sexualstrafverfahren in Berlin beobachtet und dokumentiert, an welchen konkreten Momenten des Verfahrens Vorurteile und Frauen diskriminierende Stereotype vor Gericht auftraten.

Während der Prozessbeobachtung zeigte sich, wie klassische Vorstellung und Idealtype zum vermeintlich richtigen Verhalten von Frauen im Prozess eine Rolle spielen. Vorgefasste Einstellungen zum Beispiel zu „angemessener“ Kleidung, ihrem sexuellen Vorleben oder wie Frauen auf Gewalt zu reagieren haben, wurden im Prozess offenbar. So fragte zum Beispiel der Verteidiger des Angeklagten die Zeugin, die bei sich zu Hause Opfer der Vergewaltigung geworden war, wieso der Angeklagte zu der Opferzeugin hätte mitkommen sollen: „Nur um auf dem Teppich zu pennen?“ – als hätte die Opferzeugin von der Triebhaftigkeit des Angeklagten ausgehen müssen und sich sexuelle Handlungen mit dem Angeklagten ggf. sogar gewünscht, wenn sie ihn in ihrer Wohnung übernachten lasse. Europaweite Aufmerksamkeit hat in diesem Zusammenhang auch ein Fall in Irland erhalten, bei dem die Kleidung der Opferzeugin beweisen sollte, dass diese offen für sexuelle Kontakte war, weil ihre Unterhose „zu knapp“ gewesen sei.

Gerichte haben in Strafverfahren die Aufgabe, die Schuld oder Nichtschuld der angeklagten Person festzustellen. Für einen effektiven Schutz vor Gewalt ist es wichtig, Vorurteile und Zuschreibungen aufgrund des Geschlechts aufzubrechen. Frauen müssen sich in Strafverfahren wegen sexualisierter Gewalt auf ein Justizsystem verlassen können, das vorurteilsfrei handelt. Gewaltbetroffene Frauen zu unterstützen, statt ihnen den juristischen Weg zu erschweren, ist Voraussetzung für eine geschlechtergerechte Gesellschaft.Mit den menschenrechtlichen Interventionen arbeitet JUMEN am Erreichen dieses Ziels mit.

Über JUMEN e.V. – Juristische Menschenrechtsarbeit in Deutschland

Der gemeinnützige Verein JUMEN (www.jumen.org) hat sich dem Schutz der Menschenrechte in Deutschland verschrieben und geht seit 2016 mit juristischen Mitteln gegen Grund- und Menschenrechtsverletzungen vor. Ziel ist es, soziale und strukturelle Veränderungen über den Einzelfall hinaus zu erreichen.

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Projektpartner: JUMEN e.V. – Juristische Menschenrechtsarbeit in Deutschland / Grafikdesign & Illustration: Kinga Darsow / Anmerkung: Ansprechpartnerinnen: Adriana Kessler, Kaja Deller /